Das Thema Nebenjob wollte ich eigentlich hier ganz herauslassen, aber im Moment geht es heiß her bei WELT DEBATTE, wo ich im Moderationsteam arbeite. Grund dafür ist eine nicht gerade zimperliche Polemik des WELT-Kommentarchefs Alan Posener auf Kosten des Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann.
Posener schreibt in seinem Blog Apocalypso auf WELT DEBATTE ja so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Auch in der Zeitung selbst ist er ja als Kommentarchef stärker für meinungsgefärbte Inhalte zuständig als andere. Keine schlechte Sache: Die Textform „Kommentar“ ist ja aus der Presse nicht mehr wegzudenken und viele schlagen sicher auch morgens als erstes die „Seite 3″ (die bei der WELT auf Seite 8 ist) auf. Ein Blog ist für Posener also der ideale Entfaltungsort – hier darf die reine Meinung rein und auch der Mittelsmann „Chefredakteur“ bleibt außen vor.
Zumindest theoretisch. Posener hat seinen Beitrag „Wir sind Papst!“ dienstags abends ins System gestellt. Ich und viele andere haben ihn am Mittwoch früh gelesen. Ich war angenehm überrascht; es ist einfach auch mal schön, neben vielen dahinplätschernden Wischi-Waschi-Blogs im Internet auch mal lesen zu können, wenn jemand auf die Kacke haut. Und dazu noch auf der Plattform seines Arbeitgebers, dessen Lieblingskind hier kritisiert wird. Ich war erfreut, weil ich mich auf die sicher folgende Diskussion eingestellt hatte. Bald würden sicher zustimmende und kritische Kommentare der Leser folgen, im Büro würde man jeden begrüßen mit „Hast du schon Poseners neuen Text gelesen?“. Es gäbe sicher auch Anerkennung für den Verlag, sich selbst der Kritik zu stellen.
Wie man weiß, kam es ja anders. Am Vormittag klingelte bei der Kollegin das Telefon, ein Gespräch, das nur einige Sekunden dauerte. Dann war Poseners Artikel offline. Ein gefundenes Fressen für Bildblog und viele andere Medienblogs. Vor allem, weil besagte Polemik natürlich sofort wieder im Netz auftauchte. Daten, die einmal sichtbar waren, gehen eben nie ganz verloren. Ein bißchen zynisch, dass Poseners vorheriger Blogeintrag wieder ganz nach oben rutscht: „Wozu Zensur gut ist“ – dabei ging es darum, ob und warum Leserkommentare von den Moderatoren gelöscht werden. Eine andere Ebene, aber vielleicht auch doch dasselbe Problem, wenn im neuen Web die Rollen nicht mehr so klar trennbar sind. Und ich als Moderator kann mich da natürlich nicht herausnehmen.

Was lernen wir daraus? Springer hat vielleicht erst mal eine Chance vertan. Poseners Artikel ist nun mal nicht mehr zu verstecken, also hätte man im Hause die Zähne zusammenbeißen und seinen Stolz herunterschlucken können und vermutlich auch noch Lob eingefahren, einen selbstkritischen Diskurs offen zu führen. Der Kollege Peter Schink, der hinter dem ganzen Konzept von WELT DEBATTE steht, bloggt privat entsprechend auch:
Doch was sollte mit der Löschung des Postings bezweckt werden? Wenn der Zweck war, ein deutliches Statement abzugeben, dass Welt-Autoren nichts böses über Bild schreiben dürfen, hat es funktioniert. [...] Web 2.0 ist ein komplexes Konstrukt. Und ein Vorgehen wie das gestrige wird schnell bestraft und dient nicht gerade dazu, „Online first“ zu leben und den Verlag im Internet nach vorn zu bringen. (Blog Age)
Genau da könnte auch eine neue Chance liegen: Wenn man dadurch erkennt, dass das ganze Web-2.0-Ding doch nicht so einfach ist. Den Benutzern (und damit meine ich sowohl die bezahlten Schreiber wie Posener als auch die kommentierenden Leser) eine schicke Plattform hinzuwerfen und davon auszugehen, dass alles sich quasi-automatisch nach den eigenen Spielregeln entwickelt, funktioniert ja so nicht. Ich hoffe, das führt hier im Hause nicht dazu, dass man nach gegebener Zeit das Projekt als gescheitert betrachtet. Klar prallen hier zwei Welten aufeinander. Aber es wäre falsch zu erwarten, dass sich dieses Internetdings mit der Zeit schon an die eigene Linie anpassen wird. WELT DEBATTE hat sein erstes kleines Skandälchen. Ich hoffe, der kurze unangenehme Realitätsabgleich erweist sich als hilfreich für die Zukunft.
Eine kleine Medienschau gibts bei Tim Bonnemann, der dankenswerterweise als erster versucht, die Debatte auch auf „DEBATTE“ zu führen.