Eine Zeile Lebenslauf

Erster August. Seit einigen Minuten bin ich nicht mehr Angestellter der Axel Springer AG (bzw. der Ullstein GmbH).

Der Grund dafür ist tatsächlich mein Text Apokalyptische Springreiter vom 12. Mai. Was da im Hause passiert war, hab ich ja damals aufgeschrieben. Es hat fast sechs Wochen gedauert, bis dies jemandem aufgefallen war. Das finde ich schon erstaunlich für eine Zeitungsgruppe, die gerne mit Begriffen wie Online First um sich wirft. Mir ist schon klar, dass das Web ein riesiger Misthaufen ist, in dem man nicht alles so leicht findet, vor allem, wenn man nicht danach sucht. Aber mein Beitrag war in den Kommentaren von Peter Schinks Artikel Löschen im Web 2.0 keine gute Idee verlinkt, außerdem schrieben, auch mit namentlicher Nennung, der Blogblick der Netzeitung, Stefan Niggemeier, Peter Turi und die Medienlese darüber. Technorati ist dein Freund.

Insofern kamen sich die freundlichen Verlagsmitarbeiter, die mich am 18. Juni über die Untragbarkeit meiner Person informierten, vermutlich veräppelt vor, als ich ihnen auf die Eingangsfrage, dass ich sicher wüsste, worum es jetzt gehe, verneinen musste. Ich hatte nämlich wirklich nicht damit gerechnet, dass es bei einem sechs Wochen alten Thema (das damit seit ca. 5 Wochen keinen mehr interessierte) noch etwas nachkommen würde.

Grund der Kündigung (die in den Papieren nun eine Auflösung des Vertragsverhältnisses im beiderseitigen Einvernehmen ist — mir soll’s recht sein) war übrigens nicht meine Meinung, nein Sir, die wird im Verlag überaus hoch geschätzt, hust, hust, sondern das kleine Bildchen, dass ich meinem Artikel illustrierend beigefügt hatte:

Es zeigt in der Tat einen verkleinerten Screenshot aus dem Welt-Debatte-CMS Drupal. Es sollte nicht verwechselt werden mit identischen Screenshots aus jeder anderen beliebigen Drupal-Installation oder gar einer fünfminütigen Photoshop-Bastelei. In dem Fall wäre es dann ja auch kein Verstoß gegen §5 Bundesdatenschutzgesetz, der die offizielle Begründung für meinen Rauswurf war. (Ich hätte mal besser „Symbolfoto“ dazu geschrieben.)

Eigentlich mag ich gar nicht mehr groß darüber schreiben. Für mich hat sich die Sache schon wochenlang erledigt und ich ärgere mich darüber kein bisschen. Der Hauptgrund ist der, dass mich die Arbeit bei Welt Online zeitlich stark beansprucht hat und ich einfach festgestellt habe, dass eine Nebentätigkeit diesen Umfangs neben meinem Studium nicht machbar ist. Gerade vor dem Hintergrund, dass ich im März umgezogen bin und bis heute nicht fertig ausgepackt habe, ist mir doch klar geworden, dass ich lieber wieder etwas weniger Geld und dafür mehr Zeit haben möchte. Den Rauswurf bei der Welt habe ich daher auch ohne Gegenwehr hingenommen, da ich mir vermutlich ohnehin in einigen Monaten hätte eingestehen müssen, dass es zeitlich einfach alles nicht funktioniert.

Der Job an sich war angenehm. Die Zusammenarbeit mit meinen netten Mitarbeitern und Ansprechpartnern war sehr locker und freundlich und diese Menschen werden auch der Teil sein, den ich etwas vermissen werde. Wir haben uns gemeinsam durch diverse unterschiedlich miese Content-Mangegement-Systeme gekämpft und über verwirrte Leser und ihre Kommentare gemeckert.

(Dazu vielleicht irgendwann nochmal ein Besinnungsaufsatz. Es sei nur gesagt, dass Jörges vom „stern“ eigentlich Recht hat: Was wir in den anonymen Kommentaren bei Welt Online aus strafrechtlichen Gründen alles löschen mussten, ist nicht schön. Und bitte nicht gleich betroffen „Zensur“ kreischen. Eine Kommentarfunktion auf der Website eines Unternehmens ist nicht die freiheitliche Öffentlichkeit. Wenn man in letzterer dieselben Äußerungen tätigen würde, die wir lesen mussten, würde man recht schnell von der Polizei mitgenommen.)

Soviel dazu. Mehr will ich auf Springer auch gar nicht rumhacken, das ist ja auch irgendwie müßig und langweilig. Macht ja jeder und irgendwie muss ich mich da auch nicht noch einreihen. Ein Fazit nur, das hoffentlich nicht zu selbstgefällig klingt: Es wird schwierig bleiben für Verlage im Informationszeitalter, wenn Macht und Know-how weiterhin so diametral über die Hierarchie verteilt sind.

16 Responses to “Eine Zeile Lebenslauf”

  1. Spätes Debatten-Opfer « Stefan Niggemeier Says:

    [...] Grund für die Trennung, die Steffan in seinem Blog „Schattenraum“ als „Rauswurf“ bezeichnet, obwohl sie formal im „gegenseitigen Einvernehmen“ erfolgt sei, ist nach seinen Angaben ein Blog-Eintrag, der er damals geschrieben hatte. Er hatte darin die Entscheidung von „Welt“- und „Welt Online“-Chef Christoph Kesse, den pointierten Text Alan Poseners kommentarlos löschen zu lassen, kritisiert: Poseners Artikel ist nun mal nicht mehr zu verstecken, also hätte man im Hause die Zähne zusammenbeißen und seinen Stolz herunterschlucken können und vermutlich auch noch Lob eingefahren, einen selbstkritischen Diskurs offen zu führen. [...]

  2. medienlese.com » Blog Archiv » 6 vor 9 Says:

    [...] Eine Zeile Lebenslauf (schattenraum.de, Philip Steffan) „Erster August. Seit einigen Minuten bin ich nicht mehr Angestellter der Axel Springer AG (bzw. der Ullstein GmbH). Der Grund dafür ist tatsächlich mein Text Apokalyptische Springreiter vom 12. Mai. Was da im Hause passiert war, hab ich ja damals aufgeschrieben. Es hat fast sechs Wochen gedauert, bis dies jemandem aufgefallen war. Das finde ich schon erstaunlich für eine Zeitungsgruppe, die gerne mit Begriffen wie Online First um sich wirft.“ [...]

  3. ruhrpottperle Says:

    wirst du jetzt doch eventuell – wenn die kartons fertig ausgepackt sind ;-) – nebenberuflich woanders schreiben? schadet der „rauswurf“ dir beruflich? oder kannst du ihn für dich positiv nutzen? sehr private fragen, die du nicht beantworten musst. sie kamen mir nur so in den sinn.

  4. Chat Atkins Says:

    Noch sind sie hoch zu Ross

  5. anmut und demut - diametral über die Hierarchie Says:

    [...] Phillip Steffan ist bei bei der Welt Debatte rausgeflogen. Für einen Screenshot im Beitrag „Apokalyptische Springreiter“ in seinem Blog, wie er selber berichtet. Er beendet seine Beitrag und damit sein Tätigkeit mit folgendem Satz. Es wird schwierig bleiben für Verlage im Informationszeitalter, wenn Macht und Know-how weiterhin so diametral über die Hierarchie verteilt sind. [...]

  6. Philip Says:

    @ruhrpottperle: Das ganze Aufbauschen der Aktion in diversen Blogs kann ich gut nachvollziehen – ist ja auch gefundenes Fressen. Aber wie ich selber schon geschrieben habe, trifft mich das nicht so sehr. Es war einfach ein Nebenjob. Ein angenehmer, gut bezahlter Nebenjob in einem klimatisierten Gebäude, aber trotzdem nicht meine Karriere.

    Ich muss mein Studium erst mal zu Ende bringen und ich habe auch vor dem halben Jahr bei der Welt mein Geld verdient mit diversem Internet- und Medienkram. Das ist also kein Weltuntergang, gerade mit der Erkenntnis, dass ich eigentlich zuviel nebenher gearbeitet habe.

    Nutzen werd ich diese Aktion nicht besonders. Wie man merkt, habe ich ja auch keine Lust, den Märtyrer zu spielen. Die ganze Sache ist befremdlich, aber nicht befremdlicher als anders, von dem wir schon aus dem Hause Axel Springer gehört haben. Es wird ganz einfach, siehe der Titel meines Beitrags, eine Zeile im Lebenslauf werden. Und vielleicht lohnt die sich ja mal.

  7. Nachspiel: Wir sind Papst! | trice.de Says:

    [...] Das Skandälchen um „Wir sind Papst!“ aus dem Mai hat ein übles Nachspiel: Philip Steffan, der als Moderator für die Welt-Website tätig war, musste nun seinen Hut nehmen. Darüber berichtet er in seinem eigenen Blog Schattenraum. Warum? Offiziell wegen einem Verstoß gegen das Datenschutzgesetz, denn er hatte damals einen Screenshot aus dem Content-Management-System der Welt in sein Blog gestellt. Aber es könnte natürlich auch daran liegen, dass er im Netz seine Meinung dazu geäußert hatte, dass „Wir sind Papst“ gelöscht werden musste. So schrieb er damals: Was lernen wir daraus? Springer hat vielleicht erst mal eine Chance vertan. Poseners Artikel ist nun mal nicht mehr zu verstecken, also hätte man im Hause die Zähne zusammenbeißen und seinen Stolz herunterschlucken können und vermutlich auch noch Lob eingefahren, einen selbstkritischen Diskurs offen zu führen. (mehr) [...]

  8. Petra Says:

    Es wird schwierig bleiben für Autokonzerne im Mobilitätszeitalter, wenn die Vorstandsvorsitzenden keinen Motor zusammen bauen können.

  9. Fabian Says:

    Das Problem des Fazits ist nicht, dass es in der Tat selbstgefällig ist, sondern dass es eine hohle Phrase ist. Macht und Know-How waren schon immer »diametral über die Hierarchie verteilt«. Das ist ja gerade der Witz an der Hierarchie. Unten sind die Ausführenden, oben die Leitenden.

    Andernfalls müsste ja auch der Verteidigungsminister der beste Schütze seines Landes sein.

  10. Philip Says:

    @Petra, Fabian: Danke, endlich. =)
    Nachdem diverse Blogs gern nur diesen einen polemischen Satz zitierten, endlich mal Einspruch von jemandem. Hat etwas gedauert.

    Worum es mir eigentlich ging: Ich wollte hier keine Chefs in die Pfanne hauen, sondern viel mehr die Kreativen loben. Diejenigen, die wegen ihres Know-hows eingestellt wurden, Ahnung von der Materie haben und tatsächlich Teilnehmer des „Web 2.0″ sind. Ich möchte nicht an ihrer Stelle sein, wenn ich meine Ideen und Plänen den Vorgesetzten gegenüber verteidigen muss, denn die sind (vermutlich in jedem Verlag) so sehr auf die Gegebenheiten des Print-Geschäfts formatiert, dass sie sich mit neuen Herausforderungen, die sich mit ihrem Vokabular nicht mehr formulieren lassen, echt schwer tun.

    Es kommt nicht von ungefähr, dass die einzige Währung im Internetbereich für diese Menschen die PIs (page impressions) vom letzten Tag sind. Man denkt auch im Netz noch in Auflage und 24-Stunden-Abschnitten. Und da ein Artikel über z. B. deutsche Innenpolitik genau eine PI bringt, dagegen eine Bildergalerie mit den „100 schönsten Frauen“ 100 PIs, ist ja klar, wohin der Zug geht.

  11. Basic Thinking Blog » gekündigt? Dann blogg doch drüber… Says:

    [...] macht er auch: Eine Zeile Lebenslauf [...]

  12. Petra Says:

    Hey Philip,
    ich glaube gar nicht mal, dass es an einer Konditionierungen der Vorgesetzten auf Print liegt. Die dürfte es heute da oben gar nicht mehr geben, dort, wo mit den Zahlen jongliert wird. Denn ganz oben sind die, die vom Blattmachen so weit weg sind, wie der Vorstand von Mercedes Benz vom Fließband. Will meinen: Es geht dort um Profit und wie der reinkommt und um nichts anderes. Vielmehr sind es die Schreiberlinge, die das Papier hochhalten und alten Tagen hinterher jammern. Genug Eulen nach Athen getragen.

    Das grundsätzliche Problem liegt in den Hierachien, die zwar notwendig sind, aber Kommunikation gerade nach oben erschweren.
    Das ist wie im Krieg, um mal Fabians Beispiel zu nutzen: Wenn die Informationskette zu langsam nach oben und wieder nach unten läuft, kann der Späher zehn mal die feindlichen Panzer gemeldet haben, der Befehl für den Artillerieschlag oder einen Rückzug kommt zu spät.

  13. Philip Says:

    Ich bin mit dem SNAFU-Prinzip vertraut. =)
    Und da ich auch keine sinnvolle Alternative zu Hierarchien im Ärmel habe, kann ich mich ja schlecht drüber aufregen. Es funktioniert nicht gut, aber es geht.

    Nochmals danke für den Widerspruch. Hätte mich auch enttäuscht, wenn niemand die Austauschbarkeit wahrgenommen hätte.

  14. Der Posener-Fall hat ein Nachspiel « Sendungsbewusstsein Says:

    [...] Auch darin wurde ich jetzt eines Besseren belehrt. Einer der nebenberuflich beschäftigten Moderatoren wurde entlassen (Link), weil er eine interne Information zu diesem Zwischenfall, den eigentlichen Beweis der Zensur, veröffentlicht hat (Link). Philip Steffan, so heißt der mutige junge Mann, findet die Entlassung ganz in Ordnung und will nicht bemitleidet werden. Die Reaktion der Öffentlichkeit ist aber so gering, dass man sich fragt, ob wir mit einer Öffentlichkeit überhaupt noch rechnen dürfen. [...]

  15. Wencke Says:

    Uff.

  16. Brooke Says:

    You breath fresh sunshine onto everything you write

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